Schnittanpassung

Sätze wie „ist mir gerade von der Nadel gehüpft“ liest man immer wieder in den sozialen Netzwerken. Dazu schöne Bilder mit scheinbar perfekt sitzenden Kleidungsstücken, die vermeintlich in einer halben Stunde entstanden sind.

Das ist nur in den wenigsten Fällen die Wahrheit. Denn die meisten, die sich intensiver mit ihrer selbstgenähten Kleidung auseinander setzen wissen, dass da viel mehr Arbeit hinter steckt. Leider spricht kaum einer darüber. Das führt dazu, dass nicht nur Frauen mit großen Größen das Gefühl bekommen „bei den anderen ist das alles so leicht und sieht immer so toll aus“.

Besonders, wenn du einen Schnitt das erste Mal nähst, gibt es ganz viel, das du noch nicht weißt: Wie fällt der Schnitt aus? Welche Stoffwahl ist die Richtige? Welche Größe wähle ich am besten?

 

Wie fällt der Schnitt aus?

 

Das lässt sich vorher nie wirklich beantworten, denn das ist von mehreren Faktoren abhängig. Zum einen natürlich von der Stoffwahl. Zum anderen aber auch davon, wie der jeweilige Designer sich den Schnitt vorgestellt hat. Vielleicht wollte der Designer ja, dass das Kleidungsstück eher etwas überschnitten ist, vielleicht sollte es aber auch körpernah sein.

Und selbst wenn du größentechnisch alles richtig gemacht hast und das Kleidungsstück genauso ist, wie der Designer sich das vorgestellt hat, heißt das noch lange nicht, dass dir das so gefällt.

Oft ist es so, dass man im Netz Bilder findet von den fertigen Kleidungsstücken an Frauen mit einer ähnlichen Figur, die einem richtig gut gefallen. Dann näht man es nach und ist unter Umständen sehr enttäuscht. Denn was bei den meisten Bildern nicht dabei steht ist, was diejenige an dem Schnitt noch geändert hat, damit es am Ende so gut aussieht.

Immer wieder kommt  der Wunsch auf, die eine oder andere Körperregion lieber etwas zu kaschieren. Die Kleidung soll nicht auftragen oder einen schwanger aussehen lassen. Hier spielt das persönliche Empfinden eine große Rolle. Was für dich schon zu eng ist, ist für jemand anderes noch nicht eng genug. Mit kleinen stilistischen Tricks kannst du ein Stück weit die vermeintliche „Problemzone“ überspielen. Eine leichte Raffung am Bauch, ein anderer Halsausschnitt oder eine geschickte Teilungsnaht, die deine Proportionen harmonischer wirken lassen. Wenn du also einen Schnitt genäht hast und er dir erstmal nicht an dir gefällt, probiere vor dem Spiegel mal aus, wie ein anderer Ausschnitt oder auch mehr/weniger Stoff um die Hüften die Optik verändern.

Auch wenn du im Prinzip jedes Schnittmuster nach deinen persönlichen Wünschen verändern kannst, sollte zumindest am Anfang deiner Nähkarriere die Basis so optimal sein, wie möglich. Daher ist es wichtig, dass du dir VOR dem Kauf eines Schnittmusters überlegst, ob der Schnitt tatsächlich was für dich ist, oder ob dir vielleicht nur das Bild auf dem Cover gut gefällt.

 

Die richtige Stoffwahl

 

Die Wahl des Stoffes entscheidet sehr darüber, ob du das fertige Kleidungsstück tragen wirst oder nicht. Wenn du einen Schnitt das erste Mal nähst, halte dich unbedingt an die Stoffempfehlungen des Designers! Die Stoffeigenschaft ist nämlich beim Erstellen des Schnittmusters mit berücksichtigt worden. Ein Schnitt, der zB. für einen Stoff mit 5 % Elastan entwickelt wurde, wird dir in einem Sweat zu eng sein. Aus Webware wird es noch schwieriger, eine gute Passform zu erzielen.

Aber nicht nur die Stoffeigenschaft, auch Farbe und Muster entscheiden darüber, ob dir ein Kleidungsstück „passt“. Hier spielt die Stilfindung eine wichtige Rolle. In welchen Farben fühlst du dich wohl? Welche Muster gehen besser als andere? Welches Material gefällt mir auf meiner Haut? Hier in die Tiefe zu gehen, würde den Curvy-Bereich sprengen. Aber wenn du zu Hause oder in einem Stoffladen bist, dann halte dir den Stoff einmal vor deinen Körper und entscheide dann, ob du dir darin gefallen könntest.

Damit du zumindest bei der Stoffeigenschaft keine Fehlkäufe tätigst, stellen meine Stoffpartner und ich dir eine kleine Auswahl an Stoffen zusammen, die garantiert zum jeweiligen Projekt passen. Was Farbe und Muster angeht, da musst du selbst mal ein bisschen testen. Vielleicht steht dir ein uni Shirt doch besser als große florale Muster – oder umgekehrt.

 

Welche Größe wähle ich am besten?

 

Kommen wir zu dem wohl schwierigsten Thema: die richtige Größe auswählen. Der Designer kennt uns nicht persönlich und richtet sich bei der Konstruktion seiner Schnitte nach Maßtabellen. In vielen Schnittmustern sind nur drei Maße angegeben: Brust, Taille und Hüfte. Unsere Körper sind aber alle unterschiedlich und lassen sich nicht gleich gut in Maßtabellen abbilden. Ein Brustumfang von 97 cm kann sowohl eine große Oberweite bedeuten, als auch ein breites Kreuz. Siehe ein Schnittmuster daher immer als Basis, von der aus du dich an die perfekte Passform annäherst. Vergleiche deine Körpermaße mit den Maßtabellen und freue dich, wenn du auch noch Angaben zur Schulterbreite, Armlänge oder Oberschenkelumfang angegeben bekommst.

Es gibt Körpermaß- und Fertigmaßtabellen. Die erste orientiert sich – wie der Name schon sagt – an Körpermaßen. Die dort abgebildeten Werte hat die Industrie irgendwann mal als Durchschnittswerte gesammelt. Diese Tabellen sind aber nicht zwingend vorgeschrieben, sondern die Designer bestimmen selbst, was eine 36 oder eine 48 ist. Genau wie bei gekauften Sachen können hier die Größen von Designer zu Designer stark abweichen. Natürlich ist es frustrierend, wenn man plötzlich 3 Nummern größer nähen soll als sonst. Aber es ist nur eine Zahl!!! Die steht später nicht außen an deinem Kleidungsstück. Es ist nicht immer so leicht, aber versuche diese Zahl zu ignorieren. Viel wichtiger als die Zahl ist es nämlich, dass dir das Kleidungsstück später gut passt.

Seltener sind Fertigmaßtabellen. Diese geben dir Hinweise, wie groß das fertige Kleidungsstück später sein wird. Hier sind Wohlfühl- und Bewegungsweite mit abgebildet. So kannst du diese Werte mit einem bereits fertigen, gut sitzenden Kleidungsstück von dir vergleichen.

Je mehr Erfahrung du mit Schnittmustern hast, desto leichter fällt es dir, ein Schnittmuster zu „lesen“. So kannst du mit der Zeit bereits am Schnittmuster grob erkennen, ob dir die entsprechende Größe passen wird oder eher nicht. Für den Anfang hilft da leider nur eines: testen.

 

Sei ehrlich zu dir selbst

 

Wichtig bei der ganzen Sache ist, dass du ehrlich zu dir und deinem Körper bist! Es nützt nichts, die Luft anzuhalten oder den Bauch einzuziehen, wenn du dich ausmisst (oder noch besser: ausmessen lässt). Versuche beim Ausmessen so natürlich wie möglich zu stehen. Wenn du einen großen Bauch hast, miss die Taille auch mal im Sitzen aus. Denn es wäre ja blöd, wenn die Bluse im stehen gut sitzt und beim sitzen aufklafft, weil der Bauch mehr Platz braucht. Sei es dir wert, dir hier Zeit zu nehmen und dich mit der Form deines Körpers auseinander zu setzen, denn nur so lernst du auch die Stellen kennen, die du speziell für dich anpassen musst. Diesen Aufwand musst du auch nur beim ersten Mal machen. Wenn du erstmal einen Schnitt auf deinen Körper angepasst hast, kannst du das Schnittmuster immer wieder nutzen und mit verschiedene Varianten experimentieren. Und je öfter du einen Schnitt nähst, desto eher kannst auch du sagen: „Ist mir gerade von der Nadel gehüpft“.

Mit der Zeit bekommst du auch Routine in der Vorbereitung deines Schnittmusters, denn die Stellen, die du anpassen musst, sind meistens die gleichen. Am Anfang scheint eine FBA noch lästig, später fließt sie spielend in deinen Arbeitsprozess mit ein, ohne dich zu bremsen. 

Schnittanpassungstipps für Raglan-Oberteile

Auch ich kenne deinen Körper nicht und weiß nicht, wie Kleidung für dich beschaffen sein muss, damit du dich wohl fühlst. Dennoch gibt es ganz „typische“ Stellen bei Kleidung, die öfter angepasst werden, als andere.

Bei Oberteilen wird häufig danach gefragt, wie man eine große Oberweite vernünftig unterbringen kann und was man bei kräftigen Oberarmen machen muss. Deswegen zeige ich dir in diesen beiden Blogartikeln ganz allgemein, wie du ein Schnittmuster für ein Raglan-Oberteil wie die „Große Hertha“ anpassen kannst:

Dies ist geschützter Inhalt. Bitte melden Sie sich an, um ihn anzusehen.